Der Orden der Session 1985 /1986

„Puttesse Krüzche“ bei Würselen und seine Geschichte

Dem Volksmunde nacherzählt von H. Pflips.

 

Nicht weit von der Stadt Würselen, an dem einsamen Wege, der von Elchenrath nach Weiden führt, stand bis vor wenigen Monaten ein altes Kreuz, dass „Puttesse Krüzche“ genannt wurde. Der Flurbezirk führt den Namen „am Puttes“ und beide Bezeichnungen scheinen eine Geschichte zu haben. Was „Puttes“ bedeutet, weiß hier in Stadt und Land jedermann; aber dass dem Puttes ein Kreutz gesetzt wird, scheint einer lächerlichen Anwandlung zu entstammen. Die Geschichte ist indes ganz ernst.

Vor langen Jahren lebte an der Burg in Morsbach ein reicher Bauer, mit Namen Pütz. Er hatte einen Sohn, dem die Vorsehung wohl einen reichen Vater, aber wenig Geistesgaben mit auf den Lebensweg gegeben hatte. Seine Altersgenossen waren schon alle zur ersten hl. Kommunion gegangen, aber der Pfarrer von Würselen, der als ein strenger Herr bekannt war, hatte sich noch nicht bereitfinden lassen, den jungen Pütz zum Tisch des Herrn zu führen. Eine Schule gab es damals in Morsbach noch nicht. Der Pfarrer kam daher zu der kleinen Kapelle, die damals unten im Orte stand und hielt Christenlehre. Dabei benutzte er die Gelegenheit und sah sich die Kinder genauer an, die zum erstenmal zum Tisch des Herrn gehen wollten. Die Prüfung bestand gewöhnlich darin, dass der Pfarrer sich überzeugte, ob die Kinder in der Familie auch die notwendigen Gebete gelernt hatten. Daß er durch diese Prüfung auch tiefe Einblicke in das religiöse Leben der einzelnen Familien tat, war ihm bekannt. Die Mütter wussten aber auch, dass der Pfarrer in den religiösen Anforderungen sich nichts abhandeln ließ und bereiteten ihre Kinder möglichst vor.

Die Geschichte nahm auch in diesem Jahre, in dem sich unsere Geschichte abspielte, einen zufriedenen Verlauf. Die Kinder gaben Antworten mit denen der Pfarrer recht zufrieden war. Zu letzt kam auch der junge Pütz an die Reihe. Der Pfarrer wusste, dass er hier die Anforderung nicht sehr hoch stellen durfte. Er sagte zu dem Jungen:

„Bete einmal: Ich glaube an Gott den Vater!“

„Kann ech net!“ sagte Pütz.

„Dann bete einmal das Vater unser!“

„Kann ech net!“ erwiderte der Junge.

„Dann mache einmal das heilige Kreuzzeichen!“ sagte der Pfarrer unwillig.

Da schlug der Junge ein schiefes Kreuz und sagte :“Vats Geistes Amen.“

Der Pfarrer wandte sich vor Erregung dann zu dem Jungen: “Sage deinem Vater, er möge heut Nachmittag mit dir einmal ins Pfarrhaus kommen.“

Als die Kinder aus der Christenlehre kamen, erzählten sie überall: “Der Pütz ist wieder durchgefallen.“

Der junge Pütz ging mit dem Auftrage des Pfarrers nicht zum Vater, sondern gab ihn an die Mutter weiter. Diese wollte wissen, was „der Här“ denn wollte. Der Junge konnte aber keine Auskunft geben.

Vater Pütz trat kurz nachher ins Zimmer und die Mutter überbrachte ihm die Einladung des Pfarrers.

„Hah!“ sagte Pütz, „was der will, dass kann ich mir denken. Aber es ist doch großartig! Da haben wir erst gestern das Schwein geschlachtet und heute schickt der Här schon nach seinem Zehnten.“

„Soll ich denn einen Schinken parat machen?“ fragte die Frau bescheiden.

„Was? Einen Schinken!“ schrie der Bauer und seine Stimme tönte wie die Aachener Münsterorgel am Tage nach Oster, „einen Schinken, das ist ja bald das halbe Schwein. Mach ein bisschen Puttes zurecht, damit genügen wir den berechtigten Ansprüchen des Här.“

Schweigend ging die Frau hinaus.

Am Nachmittag war der Bauer sich der Ehre bewusst, zum Herrn Pastor geladen zu sein. Er zog seinen feinen Sonntagsstaat an und rasierte sich besonders gut. Der hohe Hemdkragen zeigte deutliche Spuren seiner blutigen Tat.

Die Mutter hatte dem Jungen einen guten „Pöngel“ Puttes zurecht gemacht und Vater und Sohn schritten wichtig über den schneebedeckten Weg auf Würselen zu. Der Bauer sah so feierlich aus wie der Tag des Herrn.

Das Pfarrhaus lag verschneit da, wie in Watte verpackt. Über der schneeverwehten Tür stand „Salve“ und dies Wort war weiß überglitzert. Der Bauer wurde in das Studierzimmer des Herrn Pfarrers geführt; der Sohn musste im Flur warten. Es war eine einfache geräumige Stube mit einem Schreibtisch, einem Kruzifix und einem Bücherschrank, aus dem dickleibige Bände herausschauten. Ein kleiner Säulenofen verbreitete behagliche Wärme. Nichts halbes, alles gediegen und vollwertig.

Da trat auch schon der Pfarrer ein. „Herr Pütz,“ begann der dieser sofort, „ ich habe Sie wegen einer sehr ernsten Sache bestellt. Es handelt sich um die religiöse Erziehung Ihres Sohnes. Ich habe da traurige Erfahrungen machen müssen. Ich möchte wissen, wo der Grund liegt. Sind Sie so freundlich und machen einmal das heilige Kreuzzeichen.“

„Ich?“ sagte Pütz und schaute den Pfarrer verwundert an.

„Jawohl, Sie! Ich muß darauf bestehen,“ sagte der Pfarrer ernst.

„Dat kann ech!“ entgegnete Pütz, schlug ein krummes Kreuz und sprach: „Vats Geistes Amen.“

„Sie nennen doch nur zwei göttliche Personen! Wo bleibt denn der Sohn?“ sagte der Pfarrer erregt.

„Ach, der steht hier draußen mit dem Puttes!“ Dabei machte der Bauer die Tür auf, und nahm dem Jungen den „Pöngel“ ab, stellte sich vor den Pfarrer und sagte: „Herr Pastor, ich weiß was Gesetz und Herkommen mir zur Pflicht machen. Und diese Pflichten habe ich immer treu und gerne erfüllt. Wir haben nun gestern geschlachtet und da bringe ich, was Ihnen gehört.“ Dabei legte er den „Pöngel“ auf einen Stuhl.

„Es ist ja schön,“ sagte der Pfarrer, dass Sie da Ihre Pflichten so genau kennen uns auch erfüllen. „Aber,“ und jetzt klang seine Stimme wie eine Domorgel am Ostertage, „Sie haben auch noch höhere Pflichten und die haben Sie nicht erfüllt. Sie sind verpflichtet Ihren Jungen in der christlichen Religion zu erziehen und ihn regelmäßig zur Kirche zu schicken. Das haben Sie nicht getan. Ihr Junge kennt nicht einmal die notwendigsten Gebete, so selbst das heilige Kreuzzeichen nicht. Ich habe mich leider überzeugen müssen, dass Sie es auch nicht können. Aber mit Ihrer Frau wird es doch anders sein. Ich verlange, dass Sie dieser Auftrag und Zeit geben, mit dem Jungen die Gebete einzuüben und zu verrichten. Geschieht das nicht, dann geht der Junge zu seiner Schande auch in diesem Jahr nicht zum Tisch des Herrn. Dabei bleibt es. Nun gehen Sie!“

Auf dem Heimweg starrte der Bauer mit seinem tiefbesinnlichen Eulenaugen in den Schnee. Sein Mund brummte nichts anderes wie unverständliche laute und seine Stimme klang wie aus einer Gießkanne heraus.

Hinter ihm grinste der Junge.

Zu Hause angekommen erzählte der Bauer seiner Frau in aller Ruhe den Vorfall. Dann schloß er: „Das Stallmädchen kommt jetzt in die Küche und dann bist Du frei und kannst den ganzen Tag mit dem Jungen Gebete üben. Wir wollen dem Herrn Pastor doch zeigen, dass wir noch eine gute christliche Familie sind.“

So geschah es auch. Der Junge hatte nun den ganzen Tag Religionsunterricht. Ein Extrem nach dem anderen. Die Geschichte mit dem Puttes war nicht unbekannt geblieben. Wie es so geht, nach ein paar Tagen klatschten die Spatzen sie von den Rossäpfeln herunter. Der kleine Pütz hieß bald im Dorf nicht anders als „der Puttes“.

Ein paar Jahre zogen in die Lande. An einem heißen Sommertage lagerte Sonnenbrand über den Fluren. Am Nachmittag ballten sich am Horizont dunkle Wolken. Helle Blitzstrahlen durchzuckten die Luft und schwere Donnerschläge erzitterten die Erde. Bald rauschte ein gewaltiger Gewitterregen hernieder und tränkte die durstigen Felder. Der Puttes war an diesem Tag nach Weiden geschickt worden, um eine Bestellung zu machen. Als der Abend dunkelte, kam die schreckliche Nachricht. Der Blitz hat den Puttes erschlagen. Auf dem einsamen Feldweg zwischen Elchenrath und Weiden lag der entseelte Körper am Wegrande.

Im Hause des Pütz schlich die Trauer durch die Zimmer und weinte Tränen. Die alten Buchen vor dem Hause säuselten schwermütige Weisen. Unter großen Trauerfeierlichkeiten wurde die Leiche der Erde übergeben. An der Todesstelle ließ der Bauer zum steten Andenken ein Kreuz errichten. Das führte von Anfang an den Namen „Puttesse Krüzchen“.

Der Name ging aber auch auf die Umgebung über und es entstand der Flurname „am Puttes „. Die Chronik der Pfarre Würselen erzählt, dass 1771 der Pfarrer Mörsheim ein Kapital aufnahm und dafür ein Stück Land, am Puttes gelegen, verpfändete.

So alt und vielleicht noch viel älter ist die Geschichte.

nach oben




Sollten Probleme bei der Darstellung auftreten, liegt das an Ihrem Browser.

Probieren Sie doch mal den Mozilla Firefox, dann klappt es bestimmt.

Letzte Aktualisierung: 29.10.2017

Sie sind der

Besucher

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© 1. Würselener Karnevals Verein 1928